Wirtschaft, Gesellschaft | 12.07.2021

Unsere Mobilität befindet sich in einer radikalen Umbruchphase

Ossi Hejlek (sortimenterbrief) im Gespräch mit Autorin Nari Kahle

Autorenfoto Nari Kahle
Foto: Paul Meixner

Nari Kahle wirft in ihrem hochaktuellen Buch „Mobilität in Bewegung“ die zentrale Zukunftsfrage auf: Wie kann Mobilität besser gestaltet werden?

Ossi Hejlek: Mobilität befindet sich im Umbruch – warum und wie? Welche Auswirkungen der Covid-Pandemie werden auf Dauer erhalten bleiben? Auch in puncto Arbeitswelt.

Nari Kahle: Mobilität ist ein unfassbar spannendes Thema, weil es kaum Menschen gibt, die nicht in der einen oder anderen Form mit Mobilität zu tun haben. Sie ist ein menschliches Grundbedürfnis und Voraussetzung für alle, die soziale und menschliche Begegnungen wünschen, sich austauschen und persönlich treffen möchten. Sie ermöglicht uns Selbstbestimmung und die freiheitliche Gestaltung unseres eigenen Lebens.

Allerdings wirkt die Mobilität der vergangenen Jahrzehnte sehr starr, gerade im Vergleich zu den Fortschritten in Technologie und Digitalisierung. Diese haben ebenso wie die niedrigeren Markteintrittsbarrieren und das Umdenken in der Gesellschaft einen Umbruch bewirkt: Wir hinterfragen unsere bisherige Mobilität in Bezug auf ihre ökologische Nachhaltigkeit und ob wir für unsere unterschiedlichen Bedarfe nicht auch vielfältigere Lösungen brauchen. Auf einmal kommen ganz neue Player und Mobilitätsformen auf den Markt, die Scooter, Autos, Fahrräder, Cargobikes und Roller zum Teilen anbieten. Start-ups präsentieren Lösungen, die früher Konzernen vorbehalten waren. Auch durch die Pandemie hat sich viel getan und wir fragen uns, ob die Fahrt von Frankfurt nach Berlin tatsächlich sein muss oder ob der Termin nicht auch genauso gut digital stattfinden kann. Natürlich ist ein persönliches Treffen fast immer schöner – aber welche aufregenden neuen Chancen der Mobilität bieten sich nun, in dem fast jeder Ort der Welt digital erreichbar ist?

Das alles macht die Mobilität gerade zu einem der spannendsten Bereiche unserer Gesellschaft, denn es ist offensichtlich: Unsere Mobilität ist in Bewegung! Und auf diese Reise möchte ich meine Leser gerne mitnehmen.


Sind soziale Bedürfnisse und wirtschaftliche Anforderungen vereinbar – Stichwort „Social Business“ und Gemeinwohl? Und wie sieht es dabei mit der Nachhaltigkeit auf beiden Seiten aus?

Kahle: Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Soziales und Wirtschaftliches zusammengedacht werden müssen. Viele Sozialunternehmer zeigen bereits, dass eine Verbindung von beidem möglich ist. Gerade die sozialen Aspekte gehen aber in der Debatte um Mobilität häufig verloren. Daher ist es mein persönliches Anliegen, ganz besonders von den Zielgruppen her zu denken, die sie vielleicht am meisten brauchen, und sozialen Mobilitätsrevoluzzern, die an Projekten dazu arbeiten, eine Plattform zu geben.

Dabei darf Mobilität durchaus etwas kosten – aber dann muss sie auch einen hohen Mehrwert schaffen. Das führt zu der Überlegung, ob wir alle neuen Mobilitätsinnovationen tatsächlich immer nur in den Zentren unserer Großstädte brauchen oder ob wir die neuen Mobilitätsinnovationen nicht bewusst dorthin bringen sollten, wo sie einen besonders hohen gesellschaftlichen Beitrag leisten können. Genau dann – das ist das Schöne – treffen sich nämlich die sozialen und die wirtschaftlichen Aspekte und greifen im besten Fall ineinander.

Derzeit muss ich feststellen, dass unsere Mobilität noch nicht so vielseitig ist, wie ich es mir wünschen würde. Für zu viele Zielgruppen ist Mobilität noch zu mühsam, zu lang, zu kompliziert und zu teuer. Wenn wir dahin kommen, mehr Vielfalt zuzulassen, können wir auch besser auf die unterschiedlichen Bedarfe unserer Gesellschaft eingehen. Angesichts all der kreativen Köpfe, die ich in meinem Buch vorstelle und die mit großem Engagement neue, bessere Lösungen entwickeln als die bisherigen, bin ich da sehr optimistisch!

 
Können Sie uns kurz das Ziel der Vereinten Nationen skizzieren, wie Mobilität bis 2030 aussehen soll?

Kahle: Die Vereinten Nationen haben sich auf 17 globale Nachhaltigkeitsziele festgelegt. Eines davon, das Ziel 11, beschreibt nachhaltige Städte und Gemeinden. Dabei wird auch sehr genau beschrieben, wie Mobilität bis 2030 aussehen soll: Der Zugang zu sicheren, bezahlbaren, zugänglichen und nachhaltigen Verkehrssystemen soll für alle möglich sein. Dafür soll insbesondere der öffentliche Verkehr ausgebaut werden, „mit besonderem Augenmerk auf den Bedürfnissen von Menschen in prekären Situationen, Frauen, Kindern, Menschen mit Behinderungen und älteren Menschen“.

Nachhaltigkeitsziele

Es sind also gleichwertige Mobilitätschancen, -erfahrungen und Lebensverhältnisse für alle Bevölkerungsgruppen sicherzustellen – unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozialer Herkunft.

Das ist ein ambitioniertes und gleichzeitig sehr wichtiges Ziel, für das uns bis 2030 nicht mehr viel Zeit bleibt. Deswegen wollte ich mit diesem Buch den Fokus nicht auf den technischen oder ökologischen Aspekt legen, sondern auf die gesellschaftliche Perspektive. Wir brauchen bessere und vielseitigere Mobilitätslösungen und Zugänge für alle Zielgruppen unserer Gesellschaft.


Im Vorwort von Friedensnobelpreisträger Professor Muhammad Yunus ist von globaler Mobilität die Rede. Was ist damit gemeint?

Kahle: Das Vorwort, das Prof. Yunus für dieses Buch geschrieben hat, hat mich sehr berührt. Denn er hat sehr viel von seiner ganz persönlichen Erfahrung als Jugendlicher preisgegeben und berichtet von seiner Sicht auf unsere heutige Mobilität. Er ist davon überzeugt, dass eine globale Mobilität Menschen ermöglichen kann, neue Orte zu erreichen, Menschen kennenzulernen und die Welt zu erkunden.

Das ist eine Vision, die ich teile: Wie viel besser würde es uns als Gesellschaft gehen, wenn wir dies realisieren könnten? Wie viel mehr gegenseitiges Verständnis könnte kulturübergreifend geschaffen werden, wenn Mobilität einen persönlichen Austausch ermöglichen würde?

»Als Gesellschaft eine bessere Mobilität schaffen – für jeden Menschen und die ganze Welt«


Was sind Mobilitätsplattformen?

Kahle: Mobilitätsplattformen haben das Ziel, ein nahtloses Mobilitätserlebnis zu bieten, das idealerweise eine Türzu- Tür-Verbindung aufzeigt. Sie informieren über Buchungs- und Bezahlmöglichkeiten für alle Verkehrsmittel sowie über Veränderungen auf dem Weg. Damit sind sie ein ideales Angebot für jeden Zeitpunkt und jedes Mobilitätsbedürfnis.

Doch so nützlich Plattformen sind, so haben sie auch ihre Schattenseiten. Und auf die sollten wir als Nutzer einen ganz genauen Blick werfen. Da geht es um die Fragen des Wettbewerbs in einem Markt und wie viel Vertrauen wir in die Auswahl und das Geschäftsmodell der Digitalplattform legen wollen. Ganz besonders am Herzen liegt mir die Frage, wie wir durch Plattformen Ausgrenzungen verhindern und allen eine einfache Nutzung ermöglichen können. Mobilitätsrevoluzzer entwickeln Lösungen für genau solche Herausforderungen – das macht doch Hoffnung, oder?

Mobil auf dem Land
(C) Tobias Heller


Warum hat der Linienbus auf dem Land keine Chance mehr und was wären Alternativen im ländlichen Bereich? Wo liegen die Problemunterschiede (Schwerpunkte) in Stadt und Land?

Kahle: Ländliche Mobilität ist ein so interessantes Thema, dass es in meinem Buch ein ganzes Kapitel bekommen hat. Am Ende konnte ich mich kaum entscheiden, welche der spannenden Beispiele und Innovationen ich vorstellen soll. Die Frage wird oftmals unterschätzt, denn die Struktur, die Vorlieben und die Anforderungen an Mobilität unterscheiden sich fundamental von denen in Städten.

Für den Linienbus sehe ich kaum noch eine Chance, es sind zu hohe Kosten bei zu geringer Nachfrage. Das wird mit den aktuellen Modellen immer schwerer zu finanzieren sein. Aber Gleichzeitig ist dies eine Möglichkeit,Mobilität in ländlichen Regionen besser und passender zu denken. DieBeispiele dafür liegen mir besonders am Herzen und ich will gar nicht zu viel vorwegnehmen. Nur so viel vorab: Es geht um den ersten autonom fahrenden Shuttle in Deutschland, um die Gründe, warum Carsharing nicht angenommen wurde, um ganz neue Digitallösungen und vieles mehr, was vielleicht doch überraschen mag.

Grafik Mobil auf dem Land


Von Carsharing bis Bikesharing: Wie sehr ist dieses Verhalten in der Gesellschaft angekommen? Wie sind die Zukunftsaussichten?

Kahle: Das Schöne und gleichzeitig Schwierige am Thema Mobilität ist, dass wir es häufig so wahnsinnig emotional diskutieren. Ob Tempolimit, SUVs, Fahrräder, Carsharing oder Scooter auf Gehwegen – so viele haben eine Meinung dazu und kaum jemanden lassen die Themen unberührt. Gerade das Sharing gehört sicherlich zu den zweischneidigsten Aspekten unserer Mobilität. Immer mehr Menschen kommen dank der neuen Angebote in Städten sehr gut ohne ein eigenes Auto zurecht. Ich selbst bewege mich in Berlin mit dem Scooter fort, finde es aber schrecklich, wenn ich an die ökologische Bilanz der Scooter denke oder an all die Menschen, die sie aus dem Gebüsch ziehen müssen für einen miserablen Lohn. Wir müssen uns sicherlich alle noch mehr daran gewöhnen, dass die geteilten Mobilitätsangebote jetzt zu unserem Alltag gehören. Dazu zählt übrigens auch das Ridepooling, bei dem es nicht mehr nur um geteilte Fahrzeuge, sondern auch um geteilte Fahrten geht. Aber ich möchte auch dafür appellieren, dass es noch optimale Lösungen zu finden gilt und wir unsere Augen vor den Problemen der geteilten Mobilität nicht verschließen dürfen.


Wie ist Ihre persönliche Vision von der Mobilität der Zukunft?

Kahle: Ich wünsche mir, dass wir auf dem Weg zu einer sozial nachhaltigen und besseren Mobilität für alle mehr unterschiedliche Lösungen ermöglichen und wirklich alle Zielgruppen mit ihren Bedarfen in unserer Gesellschaft berücksichtigen. Wir sollten uns davor in Acht nehmen, den einen vermeintlich richtigen Mobilitätsweg zu definieren und allen anderen vorschreiben zu wollen. Ich hoffe, dass wir das Thema in Zukunft vielfältiger, kreativer, sozialer, innovativer und experimenteller denken. Dass wir dabei viele unterschiedliche Mobilitätsinnovationen zulassen und ganz besonders diejenigen fördern, die sozial und wirtschaftlich denken. Nicht zuletzt hoffe ich, dass wir dabei diejenigen im Blick behalten, die Mobilität am allermeisten benötigen. Darauf freue ich mich – und mein Buch ist ein Schritt hin zur Verwirklichung dieser Idee. Es geht um Denkanstöße, Beispiele und Erfahrungen, wie wir als Gesellschaft eine bessere Mobilität schaffen – für jeden Menschen und die ganze Welt.

Quelle: sortimenterbrief Österreich 7-8/2021

Nari Kahle

Dr. Nari Kahle ist Head of Strategic Programs bei CARIAD SE, dem Software- und Technologieunternehmen im Volkswagen Konzern.
Zuvor arbeitete sie als Leiterin für soziale Nachhaltigkeit an der Schnittstelle von sozialen und digitalen Themen, wozu auch der Aufbau und die Leitung eines konzernweiten Programms für junge Menschen zu digitalen sozialen Innovationen gehörte. Als Referentin des Gesamt- und Konzernbetriebsrats der Volkswagen AG wirkte sie an aktuellen Fragestellungen sowie Grundsatzthemen zu Digitalisierung sowie zur Zukunft von Mobilität, Arbeit und Beschäftigung aus Mitbestimmungssicht mit.
Ihre berufliche Laufbahn startete sie bei der Unternehmensberatung Detecon (Deutsche Telekom Gruppe), wo sie zu Corporate Responsibility, Transformation und Nachhaltigkeit beriet.

Für ihr herausragendes Engagement im Bereich Social Business erhielt sie 2018 einen Preis von Friedensnobelpreisträger Prof. M. Yunus. 2019 war sie ZEIT Stipendiatin der „Bucerius Summer School on Global Governance“. 2021 wurde sie vom Weltwirtschaftsforum zum „Young Global Leader“ ernannt.

Sie studierte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn, an der Korea University in Seoul und der Harvard University in den USA die Fächer Medienwissenschaften, Betriebswirtschaftslehre sowie Rechtswissenschaften. Im Anschluss erfolgte die Promotion an der WHU Otto Beisheim School of Management in Vallendar sowie an der Cambridge University in England zum Themenfeld soziale Innovationen und ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Effekte. Während ihrer akademischen Ausbildung war sie Stipendiatin der Konrad Adenauer Stiftung.

Sie ist davon überzeugt, dass Wirtschaft und Soziales neu gedacht werden müssen, um die globalen Herausforderungen gemeinsam anzugehen und langfristige Lösungen zu finden. In ihrer Freizeit engagiert sie sich daher ehrenamtlich als Beraterin und Coach für soziale Start-ups und Organisationen und schreibt über soziale Innovationen, Wirtschaft und Mobilität.