Persönliche Entwicklung, Karriere, Finanzen | 11.05.2021

Ist digitales Lernen wirklich besser?

Von Claudia Schmitz

Geschlossene Berufsschulen und Homeoffice für Azubis haben dazu geführt, dass digitales Lernen in der Berufsausbildung mehr Bedeutung bekommt. Doch die neue Lernform hat Vor- und Nachteile.

Digitalisierung Berufsausbildung

Ist digitales Lernen so viel besser als Präsenzveranstaltungen? Ein klares JEIN. Es ist meiner Meinung nach abhängig von dem Lernziel, das erreicht werden soll und welche Methoden dafür besser oder schlechter geeignet sind.

Sicherlich haben die neuen Lernformen Vorteile gegenüber den herkömmlichen: Durch Online-Trainings, Quizze, Lernplattformen mit Videos und Inhalten on demand (auf Abruf) können Teilnehmende lernen, ohne reisen zu müssen. In der Coronakrise bietet das zusätzlich Schutz vor Ansteckung.

Die Teilnehmenden können die Lerneinheiten live mitmachen oder sie flexibel in ihren persönlichen Alltag integrieren. Das spart zudem Kosten für Seminarräume, Unterbringung und Anreise. Auch bietet es den Vorteil, Inhalte – je nach Aufbereitung – immer wieder betrachten und dem eigenen Lerntempo folgen zu können.

Oft bringen die digitalen Lernformate ganz neue Ansätze zur Erfüllung von Lernzielen mit sich. Beispielsweise können Inhalte direkt im Tagesgeschäft ausprobiert werden, was in einem Seminarkontext manchmal nur bedingt funktioniert.

Je nach Thema und Gruppengröße lohnt es sich oft gar nicht, einen Tagesworkshop zu organisieren. Eine virtuelle Variante ist dann vorteilhaft. Diese findet statt, wo sonst kein Seminar stattfinden würde.

Es fehlt die persönliche Begegnung

Dennoch: Besonders in der aktuellen Zeit erleben wir, dass uns bei dieser Lern- und Kommunikationsform via Videokonferenz und Plattform reale Begegnungen fehlen. Es macht einen Unterschied, ob ich mich mit Personen in einem Raum befinde, ob ich sie per Videochat vor mir sehe oder sogar nur Avatare mit Audiogeräuschen. Besonders herausfordernd kann das sein, wenn weniger Erfahrung mit der Anwendung von diesen speziellen digitalen Medien besteht – was nach wie vor bei vielen der Fall ist. Außerdem muss der Lernende eine hohe Relevanz im Thema sehen, um sich den technischen Herausforderungen wie auch den Inhalten selbstgesteuert zu widmen.

Fälschlicherweise werden aktuell viele Präsenzveranstaltungen 1:1 in virtuelle Videokonferenzen umgemodelt. Dauer, Inhalte und Methoden bleiben gleich – mit dem Unterschied, dass sich Ausbilder*innen, Lehrende bzw. Trainer*innen im Homeoffice vor die Kamera stellen. Für eine spontane, schnelle Umsetzung ist dies sicherlich eine Variante, aber es ist für den Lehrenden und Lernenden zermürbend und deutlich anstrengender als ein Präsenzseminar.

Digital zu lernen, zu lehren und zu kollaborieren ist für unser Gehirn auf Dauer stressig. Zum einen ist uns bewusst, dass am anderen Ende reale Personen sitzen bzw. unser Online-Verhalten nachvollziehbar ist, auf der anderen Seite fühlen wir uns unbeobachtet. Diese Erfahrung haben bereits einige in Videokonferenzen per Zoom, Teams oder Skype in den letzten Wochen gemacht, bei denen Teilnehmende unbedacht die Zuschauer auch dorthin mitnahmen, wo sie eigentlich nichts zu suchen hatten.

Virtuelles Lernen und Lehren will gelernt sein 

Es kommt beim virtuellen Lernen also auf die richtige Auswahl von Methoden und Interaktionsmöglichkeiten an. Diese müssen viel stärker auf verschiedene Lerntypen angepasst werden. Im Präsenzseminar habe ich immer die Möglichkeit körpersprachliche Momente zu deuten. In digitalen Formaten ist dies schwieriger und die Beteiligung bzw. das Feedbackgeben ist geringer ausgeprägt. Es ist leichter, „unter dem Radar“ zu schwimmen. Personen, die stark durch Handeln und Ausprobieren lernen, verlieren schnell die Begeisterung beim Lernen mit Videos und Texten.

Ein weiterer Faktor ist die hohe Selbstverantwortung, die gelernt werden muss und bei Auszubildenden, Ausbildern/Ausbilderinnen und Ausbildungsbeauftragten nicht vorausgesetzt werden kann. Es kommt auf den Lernenden selbst an, Inhalte im Arbeitskontext auszuprobieren, sich Themen tiefer anzueignen, sich nicht von der Umgebung und dem Unbeobachtetsein ablenken zu lassen und sich selbstgesteuert Informationen zu suchen. Selbstdisziplin muss somit trainiert werden.

Viele Plattformen positionieren sich in ihrer Stärke der Vermittlung. Es macht den Anschein, dass es wichtiger ist, Wissen zu vermitteln, statt Motorik, Abläufe und Verhalten zu trainieren. Diese Position halte ich für gefährlich. Denn die meisten Wissensinhalte müssen ständig überarbeitet werden, da sie sich verändern.

Als digitale Lernform haben sich daher auch in den letzten Jahren Blended-Learning-Formate durchgesetzt, die digitales Lernen mit Präsenzlernen kombinieren. Beispielsweise wird vor dem Präsenzworkshop eine digitale Reflexionseinheit, Abfrage oder ein Video vorgeschaltet. Zur Nachbereitung werden Learning-Nuggets oder ein digitaler Austausch zu Lernerfolgen durchgeführt. Mikro-Learning mit vielen kleinen „Wissensauffrischungen”, die per App abrufbar sind und in den Arbeitsalltag integriert werden können, sind aktuell eine gute Weiterentwicklung in diesen Punkten.

Gut durchdacht und gut genutzt sind E-Learning-Programme, in welcher Form auch immer, eine Weiterentwicklung, da sie über einen längeren Zeitraum Wissen und Verhalten direkt in die täglichen Aktivitäten und Anwendungsfälle integrieren.

 

Über den Autor

Claudia Schmitz, Dipl.-Pädagogin, besetzt in der Ausbildungsszene die Themen Generation Z, Digitalisierung in der Ausbildung und neue, moderne Ausbildungsmethoden. Ihre Ausbildungsagentur Intercommotion fokussiert sich ausschließlich auf das Thema Berufsausbildung. Mit ihrem Team begleitet sie Unternehmen bei richtig guter Ausbildung und gestaltet gemeinsam mit ihnen eine zukunftsfähige (digitale) Ausbildung.
Bis heute unterstützte Intercommotion mehr als 360 zufriedene Kunden erfolgreich bei der Verbesserung ihrer betrieblichen Ausbildung. Auszubildende lernen in Trainings den Umgang mit Vorgesetzten, Kollegen und Kunden. Ausbilder und Ausbildungsbeauftrage werden zum „Digitalen Ausbilder“ sowohl offline als auch online entwickelt und optimieren ihre Fähigkeiten, moderne Inhalte interessant und nachhaltig zu vermitteln. Zudem werden Ausbildungsleiter bei der strategischen Umsetzung von Digitalisierung, Azubi-Marketing, -Recruiting und -Bindung sowie bei der Verbesserung von Ausbildungsprozessen begleitet. Sie ist mehrfache Buchautorin, gefragte Speakerin und publiziert in ihrem erfolgreichen Podcast „Ausbildung 4.0“ regelmäßig aktuelle Inhalte rund um die Ausbildung. Als Vermittler zwischen den Generationen ist es ihr wichtig, allen Beteiligten in der Ausbildung die Angst vor der Digitalisierung zu nehmen und konkrete, umsetzbare Maßnahmen aufzuzeigen.
Claudia Schmitz unterstützt Ausbildungsbetriebe durch ihre junge, unkonventionell erfrischende Art, das etwas „verstaubte“ Ausbildungsthema zu betrachten. Sie engagiert sich als Jugendschöffe am Landgericht Köln. Als „Mädsche“ aus dem Rheinland lebt sie in ihrer Wahlheimat Köln und liebt natürlich den Kölner Karneval.