Der GABAL-Verlag ist Medienpartner der herCAREER Expo.
Als Bildungsforscherin lehrt Lisa Niendorf angehende Lehrkräfte, wie guter Unterricht funktioniert. Sie betreut die Forschungsprojekte ihrer Studierenden und gibt Seminare zu queersensibler Lehre. Sie ist fest im Bildungs- und Hochschulsystem verankert – darum kennt sie auch all seine Schwächen. Als @FrauForschung nutzt sie ihre Reichweite in den sozialen Medien, um Hochschule für alle verständlicher, weniger elitär und zugänglicher zu machen.
„Vor allem sollten wir dringend aufhören, unser Vertrauen in weiße Männer zu setzen. Denn die werden vor allem Politik für weiße Männer machen.“
herCAREER: In deinem Buch schreibst du, die akademische Welt sei ein knallhartes Abbild der Gesellschaft. Was meinst du damit?
Lisa Niendorf: Menschen, die studieren oder in der Wissenschaft arbeiten, sind denselben mühsamen patriarchalen und rassistischen Strukturen ausgesetzt, wie wir sie auch außerhalb der Hochschulen finden. Oft haben wir die Vorstellung, dass Akademiker:innen aufgrund ihrer Bildung automatisch empathische und reflektierte Menschen seien. Ein Professor, der fachlich hervorragend ist, ist aber noch lange kein gerechter oder einfühlsamer Mensch. In Wahrheit ist die akademische Welt sehr gut darin, ihre Privilegien für sich zu nutzen.
herCAREER: Wie äußert sich das an den Hochschulen?
Lisa Niendorf: Auf unseren Professuren sitzen deutlich weniger Frauen als Männer, kaum Schwarze oder queere Menschen, auch keine Menschen mit Behinderung. Da sitzen vor allem weiße Männer des globalen Nordens. Und die Hochschulwelt hat eine Leaky Pipeline. Das bedeutet den drastischen Rückgang des Frauenanteils in höheren Karrierestufen in der Wissenschaft. Auch arbeiten von Schwarzen Studierenden nur wenige später in der akademischen Welt und noch weniger werden Post-Docs und Professor:innen. Außerdem gibt es in unserem Bildungssystem einen ausgeprägten Klassismus.
herCAREER: Meinst du damit, dass Kinder aus wohlhabenden Haushalten und Akademikerfamilien häufiger studieren?
Lisa Niendorf: Genau. 78 von 100 Akademikerkindern beginnen ein Studium, aber nur 25 von 100 Kindern aus Nicht-Akademikerfamilien studieren. Da die Bevölkerung allerdings aus deutlich mehr Nicht-Akademikerfamilien besteht, haben wir einen überproportionalen Anteil von Akademikerkindern im universitären Bereich.
herCAREER: Wenn die Startvoraussetzungen nicht gleich sind, ist eine faire Bewertung von Leistung eigentlich nicht möglich. Es gibt Gesamtschulkonzepte, die ohne Noten und Wettbewerb auskommen. Kann es eine Hochschule geben, die mit Leistungsnachweisen statt Benotung auskommt?
Lisa Niendorf: Darüber streiten wir uns in der Bildungsforschung seit Jahrzehnten. Ich glaube, dass wir das Notensystem nicht abschaffen können, weil unser Leistungsverständnis an dem meritokratischen Ideal „Wer sich genug anstrengt, hat die Chance auf gute Noten“ festhängt. Auch wenn dabei übersehen wird, dass sich einige viel mehr anstrengen müssen, weil sie weniger Privilegien haben.
herCAREER: Bedeutet das: Alles bleibt beim Alten, weil wir es schon immer so gemacht haben?
Lisa Niendorf: Ja und nein. Ich erwarte, dass KI uns dazu zwingen wird, unsere Prüfungsformate zu überdenken: weg von Klausuren und Hausarbeiten, hin zu Portfolios und anwendungsorientierten, realitätsnahen Reflexionsarbeiten. Und das finde ich gut.
herCAREER: Wo haderst du noch mit den aktuellen Strukturen und Prozessen?
Lisa Niendorf: Professor:innen arbeiten in einem System, das Publikationen und Drittmittelakquise besonders stark belohnt und karriereentscheidend macht. Ob man hingegen Fortbildungen zu Personalführung oder Sensibilisierungs-Training für Machtmissbrauch durchlaufen hat, spielt kaum eine Rolle. Zudem gibt es für missbräuchliches Verhalten von Professor:innen selten eine tatsächliche Konsequenz. Doch wehe, man erreicht die vorgesehene Zahl an Publikationen oder die vereinbarte Summe an Drittmitteln nicht. Diese Prioritätensetzung sendet ein klares Signal darüber, was im Wissenschaftssystem tatsächlich zählt. Aktuell liegt der Fokus nicht auf einer guten Führungskultur.
herCAREER: Laut deines Buchs entstehen viele der von dir beschriebenen Metriken, an denen Professor:innen gemessen werden, auf dem Rücken der Assistenzen und Forschungsteams …
Lisa Niendorf: Das stimmt. Professor:innen werden als Autor:innen geführt, obwohl sie oft nur die Hand über eine Publikation gehalten haben und ihr Beitrag dazu marginal war. Es gibt sogar Professor:innen, die sich als Hauptautor:innen an erste Stelle setzen lassen. Ihre Argumentation ist, dass ohne die Forschungsstelle und das Projekt ja keine Forschungsgrundlage gegeben und somit auch kein Artikel möglich gewesen wäre.
herCAREER: Das klingt sehr willkürlich. Ist es das?
Lisa Niendorf: Professuren verleihen immense Macht: Dieselbe Person betreut deine Arbeit und benotet sie. Sie ist deine Dienstvorgesetzte, unterschreibt deine Urlaubsanträge und gewährt dir Laborzeiten – oder eben nicht. Sie gibt Gelder für einen Laptop oder die Teilnahme an einer Konferenz frei. Für so viel Macht braucht es Gründe, und überzeugende Gründe sind kaum erkennbar. Diese Machtkonzentration muss hinterfragt werden, und Professor:innen sollten sich viel stärker für ihre Entscheidungen rechtfertigen müssen.
herCAREER: Wenn wir die Hochschule als freien Arbeitsmarkt betrachten: Wo liegen die akuten strukturellen Probleme?
Lisa Niendorf: Ganz vorne stehen die ständigen Befristungen, auf die man sich als Arbeitnehmer:in einlassen muss. Im Schnitt bekommt man einen Vertrag über 2–3 Jahre. So leben die meisten Wissenschaftler:innen in ständiger Ungewissheit. In einem Drei-Jahres-Projekt hast du also ein Jahr, um anzukommen. Im zweiten Jahr laufen die Dinge endlich rund und im dritten hast du ständig Angst, keinen Anschlussvertrag zu bekommen. Mehr noch: Du musst dich oft selbst um eine Anschlussfinanzierung kümmern! Und so läuft das immer weiter – natürlich in der Hoffnung, dass du irgendwann eine unbefristete Stelle bekommst. Aber 80 Prozent der Wissenschaftler:innen unterhalb der Professur in Deutschland sind befristet angestellt. Dazu kommt die Planungsunsicherheit.
herCAREER: Wie äußert die sich?
Lisa Niendorf: Findet man keinen Anschlussvertrag in derselben Abteilung, muss man vielleicht für ein Projekt nach Mainz, dann nach Köln und dann wieder zurück nach Berlin. Wissenschaftliche Mitarbeitende, die nicht umziehen können oder wollen, pendeln. Viele verbringen so mehrere Tage pro Woche in ICEs. Dazu kommt, dass 100-Prozent-Stellen äußerst selten sind. In den meisten Fällen hat man eine 50-Prozent-Stelle, von der allein es sich aber nicht leben lässt. Eine gute Freundin von mir hat gerade eine 50-Prozent-Stelle und zwei 25-Prozent-Stellen. Sie arbeitet also simultan an drei Projekten, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.
herCAREER: Da sind sicherlich viele bereit, alles für einen Anschlussvertrag zu geben …
Lisa Niendorf: Das ist das Gefährliche daran. Es entstehen starke Abhängigkeiten von den jeweiligen Professor:innen. Wo das Machtgefälle so groß ist, entsteht ein Nährboden für Machtmissbrauch. Professor:innen können ihre Wissenschaftler:innen benachteiligen, ausgrenzen, ihnen auf viele Arten Schaden zufügen.
herCAREER: Deiner Einschätzung nach: Kann sich die Hochschule nicht verändern oder will sie sich nicht verändern?
Lisa Niendorf: Wir könnten so viel mehr erreichen, als derzeit umgesetzt wird. Ein erheblicher Teil liegt daran, dass keine klaren Prioritäten gesetzt werden, ein anderer Teil besteht in begrenzten Ressourcen und politischen Rahmenbedingungen. Hochschulen verfügen dennoch über große Handlungsspielräume. Sie könnten durch eine innovative Organisationsentwicklung deutlich mehr unbefristetes Personal einstellen, nutzen diese Möglichkeit bislang nur begrenzt. Auch könnten sie verbindlichere Richtlinien zum Schutz vor Diskriminierung und Machtmissbrauch entwickeln, Sanktionen bei Fehlverhalten konsequenter anwenden und niedrigschwellige, anonyme Beschwerdestrukturen ausbauen. Viele dieser Instrumente existieren bereits punktuell – doch da ist noch viel Luft nach oben.
herCAREER: Aber gerade Missbrauchsfälle sind doch schlecht für das Image einer Hochschule. Warum wird da nicht gehandelt?
Lisa Niendorf: Bei sexualisierter Gewalt werden Institutionen immer öfter aktiv. Sie haben Angst vor dem Imageschaden, den die mediale Berichterstattung anrichten könnte. Machtmissbrauch akademischer Natur, also zum Beispiel die Aneignung der Arbeit anderer, wird hingegen manchmal bewusst toleriert, solange er unentdeckt bleibt. Denn dieser ist den Zielen der Hochschule zuträglich: Prestigeträchtige Professuren und wegweisende Forschung werben Studierende und bringen Fördergelder.
herCAREER: Es drängt sich die Frage auf, warum man sich dieses Umfeld antun sollte.
Lisa Niendorf: Auch meine Follower:innen fragen das häufig. Die Antwort ist: Die Arbeit in der Wissenschaft kann auch so viel geben. Gerade die leidenschaftliche Suche nach Wissen kann sehr erfüllend sein. Auch kann man oft selbstständig und selbstbestimmt arbeiten, forschen, worauf man selbst Lust hat. Wer gerne reist, hat die Chance, Konferenzen in vielen interessanten Städten zu besuchen. Außerdem kann man Lehrerfahrung sammeln. Dennoch, und das schreibe ich auch im Buch: Wissenschaft ist für die, die es sich leisten können.
herCAREER: Also Menschen mit finanziellem Puffer?
Lisa Niendorf: Ich meine das sowohl emotional als auch monetär. Derzeit ist Wissenschaft für Menschen mit Privilegien gemacht: für diejenigen, die abgesichert sind und weich fallen. Die es sich erlauben können, ein oder zwei Monate lang kein Geld zu verdienen. Und für diejenigen, die keine Angst vor Alltagsdiskriminierung haben müssen.
herCAREER: Was bedeutet das für Frauen, die sich eine Familie wünschen oder eine Familie haben?
Lisa Niendorf: Ich höre regelmäßig von Followerinnen, dass sie bei Vertragsverhandlungen unzulässige Fragen zu ihrer Familienplanung gestellt bekommen. Man möchte damit herausfinden, ob sich der Anschlussvertrag für die Hochschule überhaupt noch lohnt. Das diskriminiert Frauen. Die mangelnde Vereinbarkeit wissenschaftlicher Arbeit mit Sorgeverantwortung diskriminiert Mütter. Obwohl sich die Situation verbessert, gibt es immer noch sehr wenige Kinderbetreuungsangebote an Hochschulen. Und Männer, die den Großteil der Care-Arbeit übernehmen, sind gerade bei Akademikerpaaren eine Seltenheit. Kinder sind für nicht wenige Wissenschaftlerinnen ein Grund, die Universität zu verlassen.
herCAREER: Der Anteil an Professorinnen ist im Jahr 2024 auf 30 Prozent gestiegen. Empfindest du das als gute Nachricht oder als Armutszeugnis?
Lisa Niendorf: Ich bewerte das positiv, denn es zeigt, dass sich etwas bewegt. Vor 20 Jahren waren es immerhin noch 14 Prozent, auch wenn man sich über die Geschwindigkeit streiten kann. Ich finde es nur schade, dass die Diskussion nicht differenzierter geführt wird. Wir haben beispielsweise 15–17 Prozent Professorinnen in den Ingenieurwissenschaften, aber ca. 25 Prozent der Studierenden in diesem Fach sind weiblich. Das steht im krassen Gegensatz zu den Erziehungswissenschaften, in denen ca. 55 Prozent der Professuren von Frauen besetzt sind, aber ca. 80 Prozent der Studierenden weiblich sind. Das bedeutet: Auf diesen 30 Prozent dürfen wir uns auf keinen Fall ausruhen. Wir müssen fächerspezifisch herausfinden, wo Frauen gut gefördert und wo sie systematisch ausgeschlossen werden.
herCAREER: Was tust du, um die Nadel ein wenig zu bewegen?
Lisa Niendorf: Als Wissenschaftlerin versuche ich, in meiner Lehre vorrangig Texte von Wissenschaftlerinnen zu lesen und zu empfehlen. Außerdem bemühe ich mich, Forschungsanträge mit marginalisierten Personen oder anderen Frauen zu stellen. Ich achte also darauf, mit wem ich zusammenarbeite. Das ist vielleicht nicht der prestigeträchtigste Weg, aber ich glaube, es ist ein erster Schritt, um die Monopolstellung von Männern in der Wissenschaft ein wenig zu durchbrechen. Und ich versuche, patriarchale Strukturen immer transparent zu machen, auch die, in denen ich mich als Lehrende bewege und teils gefangen fühle.
herCAREER: In einem Land, das von seiner Innovationskraft lebt, erscheint es fahrlässig, die Wissenschaft nicht so divers wie möglich zu gestalten. Wo siehst du wichtige gesellschaftliche und strukturelle Stellschrauben für mehr Vielfalt?
Lisa Niendorf: Wir müssen die Zugangsmechanismen für alle, die keine weißen Männer sind, verändern. Wir müssen Frauen und marginalisierte Personen besser schützen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie garantieren und mehr Frauen (of Color) als Speakerinnen auf Konferenzen schicken. Ob Quoten der richtige Weg sind, kann man debattieren. Anscheinend – das zeigen auch die 30 Prozent, die jetzt gefeiert werden – sind Quoten noch nötig, um überhaupt Sichtbarkeit zu schaffen. Vor allem sollten wir dringend aufhören, unser Vertrauen in weiße Männer zu setzen. Denn die werden vor allem Politik für weiße Männer machen. Von ihnen allein ist keine Veränderung zu erwarten, nicht für Frauen, Mütter und andere Sorgeverantwortliche, queere Menschen, trans, inter und nicht-binäre Personen, Schwarze Frauen und Women of Color.
Das Gespräch führte herCAREER-Redakteurin Kristina Appel.
Lisa Niendorf wird am 22.+ 23. Oktober 2026 beim Authors-MeetUp über die deutsche Hochschullandschaft mit ihren Chancen und Herausforderungen sprechen.
Über die Person
Lisa Niendorf ist Bildungsforscherin und teilt auf Social Media als @frauforschung ihre Erfahrungen als Dozentin und Wissenschaftlerin am Institut für Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie setzt sich dafür ein, das Thema Mental Health im akademischen Bereich zu enttabuisieren, die prekären Arbeitsbedingungen im Wissenschaftssystem aufzuzeigen und die Hochschule fairer und diverser zu machen. Für ihr Engagement wurde sie 2023 vom Tagesspiegel als einer der 100 wichtigsten Köpfe der Wissenschaft ausgezeichnet.
Quelle der Erstveröffentlichung: www.her-CAREER.com
Bild: dragana991 / istockphoto.com