Dieser Artikel ist der vierte Teil einer siebenteiligen Reihe über Konzeptkompetenz – eine der unterschätztesten Fähigkeiten in Organisationen.
Sie haben das Ziel geklärt. Der Auftrag ist sauber formuliert. Und jetzt sitzen Sie vor dem weißen Blatt – oder genauer: dem weißen Bildschirm. Und: Nichts!
Das Phänomen hat sogar einen lateinischen Namen: Horror vacui – die Angst vor der Leere. Und es betrifft keineswegs nur Anfänger. Schreibprofis, erfahrene Führungskräfte, Menschen, die täglich mit komplexen Themen arbeiten – sie alle kennen diesen Moment, in dem der Kopf nicht leer, sondern zu voll ist. Zu viele Fragen, zu viele Ansätze, zu viele Richtungen gleichzeitig.
Das eigentliche Problem ist nicht der fehlende Inhalt. Es ist die fehlende Reihenfolge.
Warum Multitasking beim Konzipieren nicht funktioniert
Konzeptarbeit verlangt dem Gehirn gleichzeitig Dinge ab, die sich gegenseitig blockieren: Ideen entwickeln und bewerten. Kreativ denken und strukturieren. Schreiben und kritisieren.
Unser Gehirn kann das nicht parallel leisten – zumindest nicht gut. Wer versucht, in einem Atemzug kreative Ideen zu entwickeln und sie sofort zu bewerten, bremst beide Prozesse aus. Der innere Kritiker würgt die frischen Ideen ab, bevor sie überhaupt eine Chance hatten. Und die Kreativität revanchiert sich, indem sie die Struktur durcheinanderbringt.
Forschung zeigt übereinstimmend: Wer versucht, verschiedene kognitive Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, braucht länger und macht mehr Fehler. Unser Gehirn schaltet dabei nur hin und her – es arbeitet nicht wirklich parallel. Was sich wie Effizienz anfühlt, ist meistens das Gegenteil.
Der Ausweg ist so einfach wie konsequent: ein Schritt nach dem anderen.
Der Konzeptfahrplan in sechs Phasen
Konzeptarbeit folgt einer inneren Logik – einer Abfolge von Phasen, die aufeinander aufbauen und jeweils eine andere Denkleistung erfordern. Wer diese Phasen kennt und respektiert, kommt schneller ans Ziel. Und mit weniger Umwegen.
Phase 1: Das Ziel klären
Darüber haben wir im letzten Artikel ausführlich gesprochen. Ohne geklärten Auftrag, ohne präzises Ziel, ohne gemeinsames Verständnis der Ausgangslage – kein Konzept. Dieser Schritt ist die Basis für alles andere. Wer ihn überspringt, zahlt später drauf.
Phase 2: Informationen recherchieren und organisieren
Sobald das Ziel steht, beginnt die Recherche. Mit einer klaren Strategie: Was weiß ich bereits? Was muss ich noch herausfinden? Welche Quellen sind relevant?
Wichtig: Recherchen haben die Eigenart, sich auszuweiten und zum Selbstzweck zu werden. Das Pareto-Prinzip hilft hier – irgendwann muss man den Strich ziehen. Und wer KI-Tools klug einsetzt, kann gerade in dieser Phase erheblich Zeit sparen. Mehr dazu in Artikel 6.
Phase 3: Ideen und Lösungen entwickeln
Das ist die kreative Phase – und die verlangt eine Disziplin, die viele unterschätzen: Bewertung verboten. Gute Ideen brauchen Raum und die Erlaubnis, auch absurd zu sein. Der innere Kritiker hat in dieser Phase Hausverbot.
Wie man Kreativität gezielt hervorlockt, welche Techniken dabei helfen und warum unser Gehirn das nicht einfach auf Befehl kann – das füllt im Buch ein ganzes Kapitel. Hier der Kern: Trennen Sie konsequent das kreative vom analytischen Denken. Denn beides geht – aber nicht gleichzeitig.
Phase 4: Das Konzept schlüssig strukturieren
Jetzt kommt Ordnung ins Chaos. Und hier liegt eine der häufigsten Fallen: Viele fangen in dieser Phase sofort an zu schreiben. Das ist zu früh.
Zuerst die Kernbotschaft – was Journalisten den „Küchenzuruf" nennen: Was ist die eine zentrale Aussage, auf die alles hinausläuft? Erst wenn die sitzt, folgt die Struktur. Vom Allgemeinen zum Konkreten, nach dem pyramidalen Prinzip (nach Barbara Minto) – ein stabiles Gedankengebäude, das Anfechtungen standhält. Und erst dann das Schreiben.
Klingt nach Theorie – ist aber vor allem Handwerk. Und Handwerk lernt man am besten am eigenen Material.
Phase 5: Überzeugend schriftlich darstellen
Hier ist ein Perspektivenwechsel gefragt: raus aus der Autorenperspektive, rein in die Empfängerperspektive. Was braucht derjenige, der dieses Konzept liest, um Ja zu sagen? Was interessiert ihn, was bewegt ihn, was muss er verstehen, bevor er entscheiden kann?
Das klingt selbstverständlich – ist es aber nicht. Die meisten Konzepte werden von Experten geschrieben, aus tiefer Fachkenntnis heraus. Das ist gut so und richtig so. Das Problem entsteht, wenn die Expertise zur einzigen Sprache wird. Wer zustimmen, finanzieren, umsetzen oder anwenden soll, ist oft kein Experte desselben Fachbereichs. Er braucht keine vollständige Fachdarstellung – er braucht Orientierung: Was ist das Ziel? Was habe ich davon? Was wird von mir erwartet?
Gute Konzepte sind von Experten geschrieben – aber für Menschen, die keine sind.
Diese Übersetzungsleistung ist eine eigene Kompetenz. Der nächste Artikel dieser Reihe widmet sich genau diesem Thema: Warum fachlich richtig oft trotzdem nicht überzeugt – und was Empfängerorientierung wirklich bedeutet.
Phase 6: Erfolgreich kommunizieren
Konzeptarbeit findet häufig im Elfenbeinturm statt – am Schreibtisch, weit weg von den Menschen, für die und mit denen es umgesetzt werden soll. Aber ein Konzept ist nicht fertig, wenn es auf Papier steht. Es ist fertig, wenn es ankommt.
Das bedeutet: aktiv kommunizieren, frühzeitig einbinden, die richtigen Menschen zur richtigen Zeit informieren. Wer erst am Ende kommuniziert, riskiert Widerstand – nicht weil das Konzept schlecht ist, sondern weil die Menschen nicht mitgenommen wurden.
Was diese Phasen leisten
Der Fahrplan schützt vor dem häufigsten Fehler der Konzeptarbeit: dem Hin- und Herspringen. Man denkt gerade über eine kreative Lösung nach – und schon meldet sich der innere Kritiker. Man versucht zu strukturieren – und verliert sich in Details. Man schreibt – und merkt, dass das Ziel noch gar nicht klar war.
Wer die Phasen kennt und respektiert, gibt seinem Gehirn das, was es braucht: Klarheit darüber, was gerade gefragt ist. Nicht alles auf einmal. Sondern eines nach dem anderen.
Im nächsten Teil der Reihe: Warum fachlich richtig oft trotzdem nicht überzeugt – und was Empfängerorientierung wirklich bedeutet.
Takeaway: Der Konzeptfahrplan auf einen Blick
☐ Phase 1 – Ziel klären: Auftrag verstehen, Ziele präzisieren, gemeinsames Verständnis herstellen.
☐ Phase 2 – Recherchieren und organisieren: Strategie festlegen, Quellen nutzen, Ergebnisse strukturieren (Mindmap).
☐ Phase 3 – Ideen entwickeln: Kreativ denken – Bewertung konsequent ausklammern. Erst sammeln, dann sortieren.
☐ Phase 4 – Strukturieren: Kernbotschaft formulieren, Gedankengebäude aufbauen, Pyramidenprinzip nutzen.
☐ Phase 5 – Schriftlich darstellen: Empfängerperspektive einnehmen, verständlich und überzeugend formulieren.
☐ Phase 6 – Kommunizieren: Frühzeitig einbinden, aktiv kommunizieren, Betroffene zu Beteiligten machen.
Wer die Konzeptentwicklungsphasen systematisch angehen will, findet den vollständigen Fahrplan mit allen Werkzeugen, Checklisten und Beispielen im Buch „Erfolgreich Konzepte entwickeln" – oder erarbeitet ihn im Training direkt am eigenen Thema: katjaischebeck.de/konzepte
Über die Autorin
Katja Ischebeck ist Coach, Trainerin und Autorin. Sie begleitet Einzelpersonen, Fach- und Führungskräfte sowie HR-Verantwortliche dabei, Konzeptkompetenz als Schlüsselkompetenz zu entwickeln – in Trainings, Workshops und Coaching. Ihr Buch „Erfolgreiche Konzepte – Eine Praxisanleitung in 6 Schritten" ist im GABAL Verlag erschienen. Mehr unter katjaischebeck.de

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