Persönliche Entwicklung, Karriere, Finanzen | 04.06.2021

So stärken wir unsere Willenskraft!

Autor Hans-Georg Willmann im Interview

Wollten wir nicht längst etwas für die Sommerfigur tun, mehr Zeit für die Kinder haben oder ein Jahr ins Ausland gehen? Den meisten von uns fällt es schwer, die eigenen Pläne konsequent zu verfolgen und umzusetzen. Denn immer wieder kommt uns der Alltag dazwischen. Warum aber schaffen wir es problemlos, unsere Urlaubsreisen zu planen und zu realisieren? Der Schlüssel heißt: Willenskraft! Wie wir diese mit dem „Holiday-Prinzip“ aktivieren, um unsere Ziele künftig wirklich zu erreichen, erklärt Hans-Georg Willmann im Interview.  

 

Herr Willmann, der einzige Schlüssel, um unsere Ziele leichter zu erreichen, ist der bewusste Umgang mit unserer Willenskraft, sagen Sie. Und dass sich diese Fähigkeit bereits zeigt, wenn wir unseren Urlaub buchen. Können Sie dieses „Holiday-Prinzip“ genauer erklären?  

 

Überlegen Sie einmal: Was machen Sie, wenn Sie im Sommer in Urlaub gehen wollen? Das sind fünf Dinge: 1) Zuerst überlegen Sie, wohin Sie reisen und was Sie da machen wollen. Sie entscheiden sich also für ein Urlaubsziel, auf das Sie sich so richtig freuen. Vielleicht ein Wanderurlaub im Tessin, die Fahrradtour entlang der Donau oder der Badeurlaub in Portugal. 2) Sie konzentrieren sich auf dieses eine Urlaubsziel. Gleichzeitig an zwei Orte zu reisen, ist ja nicht möglich. Deshalb geht alle Aufmerksamkeit für die Verwirklichung Ihres Urlaubs in die Richtung dieses Ziels. 3) Sie planen voraus: Wann reise ich ab? Wie lange bleibe ich da? Mit wem reise ich? Was nehme ich mit? etc. 4) Sie vertrauen auf Ihre Fähigkeiten, den Urlaub auch wirklich zu machen. Und 5) lernen Sie von früheren Urlaubreisen, was Ihnen gefallen hat, was für Sie gut funktioniert hat und was nicht, und Sie machen mehr von dem, was funktioniert. Diese fünf Fähigkeiten – sich freuen, sich konzentrierenplanenvertrauen und lernen – bilden unsere Willenskraft. Ich spreche auch gerne vom „Holiday-Skill-Set“. Denn beim Urlaubmachen setzen wir diese ganz selbstverständlich ein. 

 

Das heißt, wenn wir endlich mehr Sport machen, in der Karriere durchstarten oder gesünder essen wollen, müssen wir genauso vorgehen wie bei der Urlaubsplanung?   

 

Genau. Erstmal klären, wohin das „mehr Sport machen“, „in der Karriere durchstarten“, „gesünder essen“ etc … führen soll. Sprich: Warum wollen wir das machen, was wir machen wollen? Wir planen auch keinen Urlaub, ohne ein Ziel vor Augen zu haben, auf das wir uns wirklich freuen. Wenn einem klar ist, dass man mehr Sport machen will, weil man beispielsweise fitter werden und mit seinen Kindern aktiver spielen will, dann hat man ein Ziel vor Augen. Ein Ziel, für das es sich lohnt, morgens früher aufzustehen, um zum Beispiel joggen zu gehen. Mit diesem starken Bild vor Augen, gelingt der zweite Schritt viel einfacher: Aktivitäten finden, die zum Ziel führen, die uns Spaß machen. Es gibt ja 100 verschiedene Wege, Sport zu machen, in der Karriere durchzustarten, gesünder zu essen … Wem joggen nicht gefällt, der kann tanzen, wandern, schwimmen, Rad fahren oder in einen Sportverein seiner Wahl gehen. Ein Ziel, auf das wir uns freuen, und Zielaktivitäten, die uns Spaß machen, sind ein guter Anfang. Dadurch fällt es uns viel leichter, uns auf die Dinge zu konzentrieren, die wir für unser Ziel machen können. Dafür zu planen und darauf zu vertrauen, dass wir es schaffen. Und uns immer wieder selbst zu reflektieren, um auf dem Weg zu lernen.  

 

Sie sagen, wir brauchen ein Stoppsignal, um uns aus dem Alltags-Autopiloten auszuklinken. Verlieren wir sonst die wirklich wichtigen Ziele aus den Augen?  

 

So ist es. Wir müssen unsere Hamsterrad-Routinen unterbrechen. Mehr als 40 Prozent aller Handlungen, die wir täglich ausführen, laufen unbewusst ab (manche Studien gehen sogar von einem Anteil von bis zu 90 Prozent aus). Vom Zähneputzen übers Anziehen und Kaffeekochen bis zum Autofahren. Auch das tägliche Social-Media-Checken, Schokolade snacken, Fernsehen oder Bier trinken gehören dazu. Einerseits bekommen wir durch unsere Gewohnheiten im Alltag eine Menge geregelt. Andererseits machen wir dadurch aber auch viele Dinge, die uns daran hindern, unsere wirklich wichtigen Ziele zu verfolgen. Wenn wir im Autopilot-Modus unterwegs sind, sehen wir das große Ganze nicht. Das ist so, wie wenn wir an einem wunderschönen Strand sind, den aber gar nicht wahrnehmen, weil wir damit beschäftigt sind, die einzelnen Sandkörner zu zählen. Es gibt so viele „Sandkörner zu zählen“, dass wir niemals damit fertig werden und deshalb unsere eigentlichen Pläne und Träume nicht verwirklichen.  

 

Was können wir ganz konkret dagegen tun?  

 

Wir brauchen superstarke Stoppsignale, die wir so in den Alltag einbauen, dass sie uns in den entscheidenden Momenten daran erinnern, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen und unsere Willenskraft bewusst einzusetzen. Das kann ein Signalton oder der Klingelton beim Smartphone sein, der uns darauf aufmerksam macht, aus der Social-Media-Routine aufzuwachen und nicht zum zehnten Mal die Nachrichten zu checken. Die Schlafzimmerbeleuchtung kann uns morgens beim Aufstehen daran erinnern, heute das Fahrrad statt des Autos zur Arbeit zu nehmen. Oder eine Spielzeugfigur unserer Kinder auf dem Schreibtisch, die, wenn unser Blick darauf fällt, uns ‚aufweckt‘ und motiviert, früher Feierabend zu machen, um mit unseren Kindern zu spielen. 

 

Gibt es noch einen wirksamen Tipp, den Sie uns geben können, wenn wir uns bei der Umsetzung von Plänen gerade schwertun, z. B. aus Coronamüdigkeit? 

 

Der französische Schriftsteller und Pilot Antoine de Saint-Exupéry, der den kleinen Prinzen geschrieben hat, sagte: „Jedes starke Bild wird Wirklichkeit.“ Schaffen Sie sich Erinnerungshilfen, wofür Sie zum Beispiel mehr Sport treiben oder gesünder essen wollen. Hängen Sie sich ein motivierendes Foto an die Kühlschranktüre, den Spiegel im Bad oder verwenden Sie das Foto als Bildschirmschoner. Beherzigen Sie in den Alltagsmomenten, in denen es Ihnen schwerfällt, sich zu überwinden, eine einfache Regel: Weniger ist mehr! Sie haben sich zum Beispiel vorgenommen nach der Arbeit noch eine Stunde joggen zu gehen. Wie so oft kommen Sie aber später aus dem Büro und denken sich „Jetzt noch eine Stunde joggen, oh je und ne!“ Dann erlauben Sie sich, nur eine halbe Stunde zu joggen. Lieber kürzer als gar nicht. Und noch ein Tipp: Setzen Sie einen Anfang vor den Anfang. Heißt: Legen Sie am besten schon am Vorabend die Joggingsachen parat. So müssen Sie nicht erst noch lange danach suchen.  

 

Sie leben seit 2016 in Australien. Gehört es zu Ihrem persönlichen Holiday-Prinzip, dort zu leben, wo andere Urlaub machen? 

(Lacht) Auf jeden Fall war und ist Australien ein ganz starkes Bild in mir. Seit meiner Jugend war das so. Bei der Verwirklichung meines Traumziels, hier anzukommen und auch hier zu bleiben, habe ich alle Willenskraftregister gezogen, die man so ziehen kann. Die Idee für das „Holiday-Prinzip“ hatte ich dann 2020 tatsächlich auf einer Reise durchs Outback. Ich habe mir die Frage gestellt, warum es uns Menschen vergleichsweise leichtfällt, unsere Urlaubsziele zu verwirklichen – auch wenn sie noch so groß und weit weg sind – aber uns so schwertun, im Alltag die wirklich wichtigen Ziele anzugehen und umzusetzen. 

 

Über den Autor

Hans-Georg Willmann, Jahrgang 1968, ist Experte für gelingende Karriere- und Lebenswege. Der Diplom-Psychologe und zertifizierte Coach (Berufsverband Deutscher Psychologen) berät Menschen weltweit und unterstützt sie dabei, Ziele zu erreichen. Sein Motto: Menschen weiterbringen. 2003 gründete Willmann sein eigenes Unternehmen für Personalberatung & Coaching. Davor arbeitete er im Personalwesen, u.a. für den Deutschen Entwicklungsdienst (heute Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) und im Bereich der Outplacement-Beratung. Willmann hat mehr als 30 Bücher geschrieben, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Darunter 30 Minuten Willenskraft, Erfolg durch Willenskraft und 30 Minuten Selbstvertrauen. Mehr als vier Jahre lang reiste er mit dem Motorrad durch die Wüstenstaaten Afrikas und durchs Outback Australiens, mit dem Rucksack durch Südostasien, die USA und ganz Europa. Der Freiburger lebt und arbeitet seit 2016 in Australien.