Marketing, Kommunikation, Vertrieb | 29.04.2021

Lernt nur noch Englisch!

Von Pero Mićić

Fremdsprachen sind wichtig, um beruflich erfolgreich zu sein? Das könnte sich in Zukunft als schlechter Rat erweisen. Der Grund: KI-Übersetzer werden immer besser! Was bedeutet das für Ihren Beruf und Ihr Geschäft?

Keine Frage: Viele große Probleme könnten weltweit besser, schneller, müheloser und mit weniger Risiken gelöst werden, wenn wir die Sprache der Partner besser verstehen würde. Die Lösung für diese Herausforderung lag bislang im Erlernen von verschiedenen Fremdsprachen, was mit viel Mühe, Zeitaufwand und Kosten verbunden ist.

Dabei gibt es inzwischen KI-Übersetzer, sogenannte Hearables, die Echtzeit-Übersetzungen durchführen können. Wir sagen etwas in unserer Muttersprache und das Gerät übersetzt es in eine von 40 Sprachen. Simultan, also sofort und unmittelbar. Die Gesprächspartner machen es genauso und wir hören deren Aussage in Deutsch. Für eine Übersetzung brauchen die neuesten Programme nur 0,5 Sekunden und haben dabei eine Genauigkeit von bis zu 95 Prozent. Das System funktioniert sogar offline – wohlgemerkt: nicht irgendwann in der Zukunft, sondern heute schon! Und kaum jemand kann sich vorstellen, wie perfekt die Übersetzungen und auch das Simultandolmetschen in zehn Jahren sein werden.

Die technische Leistung steigt weitaus schneller als die meisten es sich heute vorstellen können. Die Verbreitung solcher KI-Übersetzer wird sich ebenfalls exponentiell entwickeln, abhängig von den Preisen und davon, wie schnell Menschen ihre Gewohnheiten ändern. Vermutlich wird schon 2030 automatisiertes Dolmetschen sehr weit verbreitet sein und immer noch stark wachsen.

Die Vorteile dieser Entwicklung:

  1. Immer noch behindern Sprachbarrieren die internationale Zusammenarbeit in Unternehmen, Behörden und Organisationen und auch in der Politik. Je besser wir uns verstehen, desto schneller und leichter können wir die großen Probleme der Menschheit lösen.
  2. Millionen Menschen, vor allem Schüler, quälen sich durch konventionellen Fremdsprachenunterricht. Zu viele davon sprechen die Fremdsprache dann doch niemals gut genug.
  3. Viele Unternehmen bleiben unter ihren Möglichkeiten, weil Sprachbarriere die Internationalisierung behindern.
  4. Es entstehen neue Märkte für unzählige maschinelle Spezialübersetzer.

Es gibt auch Nachteile:

  1. Menschen und Unternehmen, die davon leben, Sprachen zu lehren, zu übersetzen und zu dolmetschen, werden ihren Markt schrumpfen sehen. Er wird kleiner, Software wird immer mehr die Arbeit übernehmen, aber der Markt verschwindet natürlich nicht ganz.
  2. Geht die kulturelle Vielfalt verloren? Ich empfehle schon lange, dass Sie aus beruflichen Gründen nur noch Englisch lernen sollten und das möglichst perfekt. Langfristig gesehen wird es Ihnen einfach zu wenig Nutzen bringen, andere Fremdsprachen zu lernen und dafür Ihre Lebenszeit zu investieren. Denn die Übersetzungssysteme sind heute schon besser als die meisten Fremdsprachenlerner jemals werden können, auch wenn sie viele Stunden, Tage und Jahre ins Lernen investiert haben, oft mit großer Mühe. Die Übersetzungssysteme schlagen Sie mit Leichtigkeit. Bald in allen gängigen Sprachen. Und das zu minimalen Kosten.

Warum dann überhaupt noch Englisch lernen?

Weil das die heutige und zukünftige lingua franca ist, die Verkehrssprache, die immer mehr Menschen als Zweitsprache sprechen werden. Und weil wir vielleicht nicht immer so einen Universalübersetzer im Ohr haben können oder wollen. Oder, weil ab und zu einfach der Akku leer ist.

Also: Perfekt Englisch, aber keine anderen Fremdsprachen mehr lernen. Auf diesen Rat hin gibt es häufig protestierende Kommentare. Einer davon lautet: Oh nein, die Sprachen werden verschwinden. Schon jetzt sind es nur noch 6500 Sprachen auf der Welt, viele sind schon tot und verschwunden. Das kulturelle Erbe geht doch unwiederbringlich verloren.

Es ist immer wieder faszinierend zu erleben, wie Menschen ihr emotionales Festhalten am Gewohnten mit vermeintlich logischen Argumenten zu rechtfertigen versuchen. Meine Empfehlung ist ja nicht, nur noch Englisch zu lernen und die Muttersprache zu vergessen. Sprachen bleiben erhalten, weil die Zahl der Muttersprachler erhalten bleibt. Die Fremdsprachenlerner spielen da weniger eine Rolle. Dieser Protest geht also ins Leere.

Das zweite typische Gegenargument ist, dass doch jede fremde Sprache, die man spricht, einem eine zusätzliche Perspektive auf die Welt gibt. Das kann ich nur unterschreiben. Zitieren wir Goethe: „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch.“ Oder anders: „Du hast so viele Leben, wie du Sprachen sprichst“.

Ich kenne das ja selbst. Ich bin in Belgrad geboren, früher Jugoslawien, heute Serbien. Folglich spreche ich das, was man früher Serbokroatisch nannte. Das ist meine Muttersprache. Großzügig gesagt, spreche und verstehe ich Serbisch, Kroatisch, Bosnisch und Montenegrinisch. Nicht, weil ich so genial bin, sondern weil das im Wesentlichen eine einzige Sprache ist, so ungefähr wie österreichisches und deutsches Deutsch. Und ja, durch diese Sprache erlebe ich die Welt anders als ohne. Wenn jemand AirPod sagt, dann habe ich bei Pod die Assoziation „Boden“, also so eine Art „Luftboden“. Eine ziemlich witzige Vorstellung. Salvador Dali hätte dazu bestimmt ein surrealistisches Bild gemalt. Wenn ich Glas höre, sehe ich nicht nur die Scheibe oder das Trinkglas, sondern spüre auch die Konnotation von Stimme, denn so heißt sie im Südslawischen: „tvoj glas“ ist deine Stimme.

In meiner Empfehlung betone ich daher: nur noch Englisch „aus beruflichen Gründen“. Niemand sollte sich in Zukunft für den Job quälen, Französisch oder Mandarin zu lernen. Dafür ist die Lebenszeit einfach zu schade, weil wir nie so gut werden können wie die Übersetzungs- und Dolmetschermaschinen. Und wenn, dann nur in dieser einen Sprache. Wenn Sie aber der Klang des Französischen erregt, Sie die Melodie des Italienischen genießen, Mandarin Ihnen eine Emotion von Exotik erzeugt, Sie das Gefühl haben, dass Swahili Ihre Weltwahrnehmung erweitert, dann – feel free – genießen Sie das Lernen, Lesen, Hören und Sprechen dieser Sprachen. Als Hobby oder als Sprachwissenschaft ist jede Sprache sinnvoll und schön.s

Was bedeutet das für Ihren Beruf oder Ihr Business?

  1. Wo haben Sie in Ihrem Geschäftsmodell Berührungspunkte mit gesprochenen oder geschriebenen Fremdsprachen? Oder wo könnten Sie sie haben? Wo können Sie automatisierte Übersetzer und Dolmetscher einsetzen? Das geht für Texte, für Bilder, für Video, für Audio. Sie können sich in Zukunft praktisch mühelos und zu minimalen Kosten internationalisieren und globalisieren.
  2. Wo investieren Sie Geld und Mühe in die in Zukunft beruflich sinnlose Ausbildung in Fremdsprachen außer Englisch? Für sich selbst, für Ihre Mitarbeiter, für Ihre Nachkommen? Das würde ich überdenken.
  3. Wenn Sie sogar vom Sprachen-Lehren, vom Übersetzen und Dolmetschen leben, ist es nun wirklich höchste Zeit, dass Sie ein zukunftsrobustes Geschäftsmodell entwickeln. Entweder durch Ausrichtung auf Spezialgebiete oder die Entwicklung in eine Richtung, in der die Übersetzungsmaschinen dauerhaft dem Menschen unterlegen bleiben, so etwa in der direkten emotionalen und empathischen Kommunikation mit anderen Menschen.
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Über den Autor

Dr. Pero Mićić ist der Zukunftsmanager. Er macht Zukunft verständlich und nützlich. 1991 gründete er das erste deutsche Unternehmen für Zukunftsmanagement und zählt heute zu den führenden Experten in Europa. Mit seiner FutureManagementGroup AG hat er in Hunderten von Projekten die Führungskräfte großer Konzerne und führender Mittelständler dabei beraten, Chancen in Zukunftsmärkten früh zu erkennen, zu nutzen und wirksame Zukunftsstrategien zu entwickeln. Pero Mićić ist Gründungsmitglied des Berufsverbandes „Association of Professional Futurists“ in den USA und war Vorsitzender des Beirats der European Futurists Conference. Mit weit über 1000 Vorträgen ist er ein international gefragter Referent.