Wirtschaft, Gesellschaft

Ostdeut­sche Identität & Gen Z

herCAREER Interview mit Nora Zabel

Der GABAL-Verlag ist Medienpartner der herCAREER Expo

„Ich suche aktiv nach Frauen, mit denen ich Allianzen bilden kann, damit wir gemeinsam andere – auch aus dem Osten – nachziehen können.”

Nora Zabel wurde 1996 in Mecklenburg-Vorpommern geboren, also nach der Wende. 36 Jahre nach dem Mauerfall fühlt sich die Politikwissenschaftlerin dennoch eindeutig als Ostdeutsche. Ist das ein Zeichen, dass die Wiedervereinigung gescheitert ist? Und wie sieht der Weg zu echter Einheit aus? Dieser Frage geht die Autorin in ihrem Buch „Vereint in Zerrissenheit“ nach und gelangt dabei zu dem Schluss, dass die junge ostdeutsche Generation sich selbst helfen muss.

„Ich wünsche mir, dass meine Generation und die nach uns verstehen, wo sie leben und was das bedeutet, und dass sie auch zu Hause etwas verändern können.“


herCAREER: Du bist mit 16 in die CDU eingetreten und beschreibst Politik als dein Hobby und deinen Beruf. Was treibt dich gerade besonders um?

Nora Zabel: Ich dachte immer, in Deutschland haben wir einen demokratischen Konsens, innerhalb dessen man diskutieren kann. In den letzten Jahren habe ich jedoch gemerkt, dass sich die Leute – ob in Mecklenburg-Vorpommern, wo ich geboren bin, oder hier in Heidelberg, wo ich gerade lebe – sehr weit voneinander entfernen. Ich habe mich gefragt, warum das so ist. Hat das vielleicht auch damit zu tun, dass meine Eltern in einer Diktatur großgeworden sind? Welchen Einfluss hat das heute immer noch auf mich und warum?

herCAREER: Welche Erzählungen und Emotionen haben deine Jugend geprägt?

Nora Zabel: Wir haben eigentlich wenig bis gar nicht über die Wiedervereinigung geredet. Unterschwellig war sie aber immer präsent. In der Schule wurde mir bereits vermittelt: „Engagiere dich, du kannst etwas bewegen.“ Meine Eltern standen dieser Idee aber sehr skeptisch gegenüber. Sie haben aufgrund ihrer Erfahrungen eine ganz andere Einstellung zu Parteien und Politiker:innen als ich.

herCAREER: Du beschreibst dich im Buch als „Kritikerin im Zentrum der Organisation – unweigerlich Teil des Systems, aufgrund deiner Herkunft und Sozialisierung jedoch nie ganz identisch“. Das kann man sowohl auf dich als „Ostdeutsche im Westen“ beziehen als auch als junge, liberale Frau in der CDU. Wie erlebst du das im Alltag?

Nora Zabel: Das bedeutet, dass ich einen guten Weg finden musste, mich einerseits anzupassen und mir andererseits trotzdem treu zu bleiben. Als Ostdeutsche habe ein anderes Ohr und dadurch auch eine andere Sympathie für Menschen, die sind wie ich. Als Politikerin bin ich jedoch jetzt in diesen Räumen gelandet, in denen viele Menschen anders sind als ich. Darum glaube ich, dass es meine Aufgabe ist, unbedingt Leute aus meiner Region in die Partei nachzuziehen.

herCAREER: Ist es nicht paradox, dass wir über dich als “junge Ostdeutsche” sprechen, wenn wir doch über eine überfällige Vereinigung sprechen? Und warum legt “Die Zeit” einen Ostteil (“ZEIT im Osten”) auf, wenn wir mehr über Ost-Themen auch in der deutschlandweiten “Zeit” lesen könnten? Verhindert das nicht ein gemeinsames Selbstverständnis?

Nora Zabel: Ich verstehe, was du meinst. Einerseits muss man die Unterschiede benennen, die zu den existenten Konflikten führen. Aber man möchte sie auch nicht zu sehr betonen, denn das Ziel ist schließlich, dass beide Regionen zusammenwachsen und gleichberechtigter werden. Ich möchte auch nicht in diese kollektive Opferhaltung verfallen und auf das Versagen der Politik schimpfen. Ich möchte den Leuten im Osten auch mal sagen: „Hey, ihr müsst selbst etwas bewegen, ihr müsst euch selbst helfen, die Politik kann nicht alles tun.“ Es ist immer ein Tanz im Graubereich und am Ende denke ich, es muss beides möglich sein: Kritik am mangelnden Engagement der Leute im Osten und an der Politik.

herCAREER: Hat der Westen den Osten in deinen Augen im Stich gelassen?

Nora Zabel: Das sehe ich nicht so, zumindest nicht finanziell, denn es gab ja den Solidaritätszuschlag. Es haben jedoch sehr viele Westdeutsche Führungspositionen übernommen, was auch gewollt war. Sie haben es jedoch versäumt, Ostdeutsche nachzuziehen. So haben wir jetzt eine Repräsentations- und Legitimationslücke.

herCAREER: Es wurden neue Strukturen eingeführt, aber es wurde vergessen zu erklären, wie man sich darin erfolgreich bewegt.

Nora Zabel: Ja. Meine Eltern haben gelernt, dass sich der Staat um gewisse Dinge kümmert, wie kostenlose Kinderbetreuung. Gleichzeitig haben sie nie gelernt, dass man sich beschweren darf oder sich aktiv einbringen sollte, wenn einem etwas nicht passt. Somit wurde das auch nicht wirklich an meine Generation weitergegeben.

herCAREER: Reden wir über Männer. Statistisch gesehen bleiben deutlich mehr Männer als Frauen nach der Schule in den neuen Bundesländern. Mit welchem Effekt?

Nora Zabel: Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Ende der DDR und fragiler Männlichkeit. In meinem Buch kommen dazu zwei Experten zu Wort: Armin Nassehi und Ilko-Sascha Kowalczuk. Sie sagen, dass es nichts Schlimmeres gibt als zurückgelassene, mittelalte, frustrierte Männer. Insofern sei es keine Überraschung, dass die Wahlergebnisse für die A*D im Osten höher ausfallen. Diese Männer können ihr Lebensmodell – Frau, Familie, Haus bauen – nicht mehr erfüllen. Denn Frauen, die ehrgeizig sind oder sich nicht mehr wohlfühlen, wandern in den Westen ab.

herCAREER: Dadurch fehlen jungen Ostfrauen auch Vorbilder. Im Buch beschreibst du Angela Merkel als politisches und ostdeutsches Role Model. Welche Frauen waren für dich noch prägend?

Nora Zabel: Ich bin erst politisch aktiv geworden, als Merkel ihren Kanzlerinnenposten bereits abgegeben hatte. Damals habe ich gemerkt, dass sich die Stimmung spürbar verändert: Die alte CDU-Herrenriege holt sich wieder Raum zurück. In Mecklenburg-Vorpommern habe ich Katy Hoffmeister im Rennen um den CDU-Landesvorsitz gegen Philipp Amthor unterstützt. Dann kam Annegret Kramp-Karrenbauer, aber sie gab 2020 den CDU-Bundesvorsitz ab. Es war sehr schmerzhaft für mich, dass diese starken Frauen nach und verschwunden sind. Seitdem suche ich aktiv nach Frauen, von denen ich weiß, dass ich mit ihnen Allianzen bilden kann. Damit wir gemeinsam andere – auch aus dem Osten – nachziehen können. Denn das ist es, was ich heute kritisch an Angela Merkel betrachte: Sie hat es nicht geschafft, Frauen in der Partei nachhaltig zu Machtpositionen zu verhelfen.

herCAREER: Glaubst du, dass eine Zeit kommen wird, in der abgewanderte Frauen mit einem neuen Selbstverständnis – mit mehr Macht und Einfluss – in die östlichen Bundesländer zurückkehren und Veränderung mit sich bringen?

Nora Zabel: Ich kann mir das sehr gut vorstellen. Ich glaube, dass diese Frauen dort immer ihre Heimat haben werden: Erinnerungen, Familie und Freunde. Das geht mir ja auch so. Außerdem ist der Osten landschaftlich attraktiv und das Leben günstiger. Dort gibt es gute Chancen, sich etwas Eigenes aufzubauen. Aber solange es keine großen Firmen und Bundesinstitutionen vormachen, wird das wohl nicht passieren.

herCAREER: Wie können wir Menschen und Unternehmen dazu bringen, die Chancen, die im Osten liegen, auch als solche zu betrachten? Im Grunde sind Aufbau, Innovation und Unternehmertum doch gelernte Konzepte in Deutschland.

Nora Zabel: Ich glaube, dafür müsste man eine große Kampagne für das Dorf starten, denn der Großteil des Ostens ist eben ländlich geprägt. Man müsste den Wert von Gemeinschaft und Familie, von Vereinsstrukturen und gegenseitiger Unterstützung betonen. Und: Im Westen haben wir eine aktive Zivilgesellschaft. Die müssen wir im Osten erst auf- und ausbauen und den Leuten klarmachen: „Du hast Lust, die Welt zu verändern? Dann starte hier in deinem Dorf.“

herCAREER: In meinen Gesprächen mit Kommunalpolitiker:innen oder politischen Aktivist:innen betonen diese immer, dass lokales Engagement am schnellsten zu Veränderung und einem Gefühl von Selbstwirksamkeit führt …

Nora Zabel: Ja. Gerade als junges Parteimitglied im Osten habe ich die Erfahrung gemacht, dass man, wenn man sich erst einmal reintraut, viel bewirken und sehr schnell vorankommen kann. Weil es eben nicht so viele von uns gibt! Allerdings: Man muss auf Widerstände in Form von “alten weißen Männern” gefasst sein – vielleicht noch mehr als im Westen.

herCAREER: Wie dick ist dein Fell mittlerweile?

Nora Zabel: Es war sicherlich eine harte Schule in der mecklenburgischen Landtagsfraktion der CDU. Aber es war auch einfach Normalität: Mir war immer klar, dass ich härter arbeiten, fleißiger sein und besser netzwerken muss als die Männer.

herCAREER: Es wäre schön, wenn es leichter ginge … Eine deiner Ideen für ein niederschwelliges politisches Engagement im Osten sind Bürgerräte. Warum siehst du darin eine Chance?

Nora Zabel: Die Mitglieder von Bürgerräten werden zufällig ausgewählt, so geben sie einen guten Querschnitt der Bevölkerung ab. Bürgerräte sind in der Nähe – im ländlichen Gebiet kann man sonst gut und gerne eine Stunde fahren, wenn man sich demokratisch engagieren möchte. In Bürgerräten können Leute im Kleinen üben zu diskutieren und zu argumentieren. Ganz ohne Stammtischparolen, ohne jemandem die Meinung zu geigen. Denn es geht ja darum, gemeinsam Lösungen für die Gemeinde zu finden.

herCAREER: Welche Voraussetzungen sind nötig, um diese Idee umzusetzen?

Nora Zabel: Zumindest bräuchte es verlässliche Kinderbetreuung, um Müttern die Teilnahme zu erleichtern, sowie finanzielle Anreize in Form eines Sitzungsgeldes. Ohne Vergütung werden es die Leute nicht machen.

herCAREER: Ein Kapitel am Ende des Buches heißt: „Was bleibt für die ostdeutsche Gen Z zu tun?“. Warum fragst du nicht, was die gesamtdeutsche Gen Z oder wir als Deutschland jetzt tun können?

Nora Zabel: Weil ich die Eigenverantwortung des Ostens hervorheben will. Wir kommen von dort, wir kennen unsere Heimat am besten und wir müssen uns jetzt vernetzen und selbst helfen. Wir müssen die Expertise, die wir uns im Westen erarbeitet haben, zurück- und in Vereine, Organisationen und Unternehmen einbringen.

herCAREER: Klingt einleuchtend.

Nora Zabel: Deswegen habe ich das Buch geschrieben. Viele realisieren erst, dass sie „Ostdeutsche“ sind, wenn sie weggegangen sind. Ich wünsche mir, dass meine Generation und die nach uns verstehen, wo sie leben und was das bedeutet, und dass sie auch zu Hause etwas verändern können. Ich wünsche mir, dass sie ihre Identität bereits zu Hause erkennen und etwas daraus machen.

Das Gespräch führte herCAREER Redakteurin Kristina Appel.

Über die Person

Nora Zabel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Bundestagsabgeordneten Serap Güler (CDU). Co-Host des Podcasts »Womensplaining« und schreibt u.a. für ZEIT, taz und Cicero. Von ZEIT CAMPUS wurde sie 2023 in die Auswahl »Die 30 bis 30« gewählt.

Quelle der Erstveröffentlichung: www.her-CAREER.com

Bild: (c) Laurence Chaperon