Management, Führung | 14.06.2021

Innovation kennt keine Tabus

– So lösen Unternehmen interne Blockaden

Von Anne M. Schüller

Wenn uns Corona eines gezeigt hat, dann dies: Gewissheiten gibt es für nichts und niemanden mehr. Unternehmen müssen heute schnell umdenken und sich auf neue unerwartete Ereignisse einstellen können. Auf Dauer werden nur die wendigen und anpassungsfähigen unter ihnen überleben, weil wir am Anfang einer neuen Ära oder Technologie kaum absehen können, wo die Entwicklung hinführt. Diese Marktplayer sind es, die genau die frischen, mutigen und relevanten Ideen umsetzen, die wir brauchen.  

Innovation kennt keine Tabus

Aus diesen Innovationen entstehen dann weitere, etwa durch die Neukombination bislang getrennter Industrien und die mannigfachen Möglichkeiten zunehmender Vernetzung. Und jede technologische Optimierung führt dazu, dass die nächste schneller erreicht werden kann. In einem so wandelbaren Umfeld können wir höchstens noch erahnen, was funktionieren wird und was nicht. Längerfristige Prognosen oder gar Erfolgsgarantien werden unmöglich. Wer zögerlich abwarten will, wie sich das Ganze entwickelt, wird nicht schnell genug sein, um Vorsprünge Anderer einzuholen. Schwierige Zeiten für Controller: Die wollen genaue Zahlen statt Wagemut und Spontaneität. Doch von dem zugrundeliegenden Kleinmut dürfen sich Unternehmen in Zukunft nicht ausbremsen lassen.  

Von inkorporierten Start-ups bleibt oft nur die leere Hülle 

Warum ist es so schwierig, Oldschool-Unternehmen in diese neue, innovative Spur zu bringen? Bestehende Systeme haben eine ausgeprägte Tendenz, die ihnen innewohnende Ordnung zu erhalten. Insofern scheitern Innovationssprünge dort allzu oft. Zu beobachten ist das etwa, wenn ein Start-up in ein traditionelles Unternehmen eingegliedert wird. 

Es beginnt häufig mit einem bürokratischen Kraftakt, mit nicht enden wollenden Meeting-Marathons, Abstimmungsprozessen, Planungsrunden und Reportings, und es endet nicht selten mit Machtkämpfen, Grabenkriegen und zermürbenden Debatten mit Bedenkenträgern. Die Folge: Von Höchstleistungen kann schon bald keine Rede mehr sein. Kluge Köpfe lassen sich nun mal nicht gängeln. Im falschen Umfeld gehen sie ein wie die Primeln. Oder sie verlassen das Unternehmen zum erstbesten Zeitpunkt. Das wirkt sich auch auf die Kunden aus, die sich ebenfalls nicht mehr wohl fühlen und umorientieren. Das eigentliche Ziel des Corporate-Unternehmens, sich mit dem Start-up zu „verjüngen“ und fit für die Zukunft zu machen, schlägt auf diese Weise oft fehl.  

Neudenken und Neumachen als Teil der Kultur 

Wer Innovationen erschaffen will, die die Menschen tatsächlich in ihr Leben lassen, braucht eine Ausprobier- und Experimentierkultur, die das Neudenken und Neumachen für alle Beschäftigten zu einer Selbstverständlichkeit werden lässt. In einem erstarrten System fehlt genau das. Nichts wird mehr gewagt, was schiefgehen könnte. Wer in einem solchen Umfeld bestehen will, hat keinen Bock auf Experimente, denn sie bergen das Wagnis des Scheiterns. Folgt man hingegen den Regeln und festgelegten Prozessen, hat man nichts zu befürchten. 

Doch diese Kultur hat keine Zukunft: Wer heute noch den Status quo einbetoniert, wird aussortiert: von Kunden, die mehr wollen als das, was es gestern schon gab – und von den „jungen Wilden“, die solche Kunden verstehen. Deshalb sorgen innovative Firmen dafür, dass Bestehendes regelmäßig auf den Prüfstand kommt und etablierte Mindsets sowie Vorgehensweisen infrage gestellt werden – etwa mit der Methode „Elephant in the Room“. 

Innovation kennt keine Tabus

Eine Übung, um Blockaden zu lösen 

Namensgeber ist die anglizistische Metapher, die ein offensichtliches Problem bezeichnet, das zwar im Raum steht, über das man aber nicht spricht. Mithilfe des “Elefanten im Raum” sollen nun längst überfällige Diskussionen angestoßen werden.  

Machen Sie dazu die Anwesenden auf die vorherrschenden Tabus aufmerksam und fordern Sie sie auf, diese zu benennen.  

„Welche Blockaden, über die offiziell niemand spricht, hindern uns daran, erfolgreich in die Zukunft zu starten?“ 

Initiiert wird dieser Prozess am besten von jemandem aus dem obersten Führungskreis. Ein guter Moderator ist bei diesem Anlass unerlässlich. Um zu klären, ob alle auch wirklich offen und ehrlich miteinander reden können, ist es klug, vorab eine „Sicherheitsfrage“ zu stellen. Zeichnen Sie dazu auf eine Pinnwand eine Elfer-Skala. Dann kommt folgende Frage: 

„Wie frei können wir wohl in dieser Runde sprechen, auf einer Skala von null bis zehn?“ 

Die Pinnwand mit der Skala wird umgedreht, so dass die Teilnehmer ihre Bewertung anonym geben können. Damit jeder dabei unbeeinflusst ist, soll er die Zahl, für die er sich entschieden hat, auf einen Klebepunkt schreiben, bevor er hinter die Pinnwand tritt. Liegen viele der Punkte unter acht, wird das zunächst thematisiert, diskutiert und bereinigt. Danach ist das Feld frei für den eigentlichen „Elefanten im Raum“. 

Schluss mit steinzeitlicher Bürokratie 

Diese Spezies gibt es wirklich in jeder Organisation: Anwesenheitspflichten aus der Steinzeit, längst überholte Regeln oder unnötige Rituale und Entscheidungsverfahren. Oft geht es mehr um Selbstbestätigung und Machterhalt, als um die eigentlichen Produkte und Kundenwünsche. Mit überzogenen Verfahrensweisen und Vorschriften untermauern Manager gerne die Wichtigkeit ihres Bereichs – und beschäftigen sich letztlich vor allem mit sich selbst, statt den Interessen des Unternehmens zu dienen. Der „Elefant im Raum“ bringt diese überholten Strukturen an den Tag – und schafft Raum für frischen Wind und dringend notwendige Innovationen! 

Über den Autor

Anne M. Schüller kennt die klassischen Unternehmensstrukturen aus dem Effeff. Weit über zwanzig Jahre lang hat sie in leitenden Positionen internationaler Dienstleistungsunternehmen gearbeitet. „Ich war schon immer eine Querdenkerin. In manchen Unternehmen konnte ich mit frischen Gedanken und unkonventionellem Tun wirklich Großes bewirken. Manchmal bin ich auch kläglich gescheitert: hie und da an Strukturen, meist aber an Menschen, die Altes bewahren wollten und Neues als Bedrohung empfanden“, sagt sie.  


2002 hat sie sich aus der Konzernwelt verabschiedet. Seitdem arbeitet sie als Keynote-Speaker, Managementdenker und Business-Coach. Zu ihrem Kundenkreis zählt die Elite der Wirtschaft im deutschsprachigen Raum. Ferner hat sie eine Reihe von Büchern geschrieben, in denen es, aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, immer um das Zusammenspiel zwischen Kunde, Mitarbeiter und Organisation geht. Kundenfokussierte Unternehmensführung ist der Oberbegriff, den sie dafür geprägt hat.  


Ihre Bücher sind nicht nur Bestseller, sondern auch preisgekrönt: Kundennähe in der Chefetage erhielt 2008 den Schweizer Wirtschaftsbuchpreis. Touchpoints ist Mittelstandsbuch des Jahres 2012. Das Touchpoint-Unternehmen wurde zum Managementbuch des Jahres 2014 gekürt. Touch.Point.Sieg. ist Trainerbuch des Jahres 2016. Die Orbit-Organisation wurde Finalist beim International Book Award 2019 von GetAbstract.  


Für ihre Arbeit hat sie viele weitere Auszeichnungen erhalten. So wurde sie 2015 für ihr Lebenswerk in die Hall of Fame der German Speakers Association ausgenommen. Vom Business-Netzwerk LinkedIn wurde sie zur TOP-Voice 2017/2018 und von Xing zum Spitzenwriter 2018 gekürt. Von Gabal erhielt sie den BestBusinessBook Award 2019.


Ihre Vorträge rund um Digitalisierung und Menschlichkeit, eine zeitgemäße Unternehmensführung mithilfe des Orbit-Modells und eine beispielhafte Kundenorientierung sind Kult: zugleich hochinformativ, praxisnah und unterhaltsam. Sie führt auch Management-Transformationsseminare und Mitarbeiter-Großgruppenworkshops durch. Zudem bildet sie zertifizierte Touchpoint-Manager und zertifizierte Orbit-Organisationsentwickler aus.