Persönliche Entwicklung, Karriere, Finanzen

Prokras­ti­na­tion – Warum Aufschieben kein Zeichen von Faulheit ist

von Jens Newerla

„Ich mach das später.“

Kommt dir bekannt vor?

Du hast dir fest vorgenommen, heute mit einer Aufgabe zu starten. Doch plötzlich erscheint es viel dringlicher, den Geschirrspüler auszuräumen, Mails zu beantworten oder endlich die Bücher im Regal zu sortieren. Am Ende des Tages ist das Wichtigste nicht erledigt – aber dafür das schlechte Gewissen umso größer.

Doch hier kommt die gute Nachricht:
Prokrastination ist kein Zeichen von Faulheit. Sondern ein cleverer – wenn auch kurzsichtiger – Selbstschutz deines Gehirns.

Warum wir Dinge aufschieben – gerade wenn sie wichtig sind

Der Begriff Prokrastination kommt aus dem Lateinischen: pro = „für“, crastinare = „morgen“.
Es bedeutet also: etwas auf morgen verschieben. Aber eben nicht bewusst geplant, sondern unbewusst als Vermeidung.

Und genau da liegt der Kern:

Es geht nicht darum, dass du nichts tun willst.
Sondern: Die Aufgabe erzeugt in dir unangenehme Gefühle – z. B. Angst, zu scheitern. Oder Überforderung. Oder das diffuse Gefühl, dass du „es nicht gut genug machen wirst“.

Was macht dein Gehirn in solchen Situationen?
Es will dich schützen. Und das tut es, indem es dich sanft in etwas lenkt, das angenehmer ist. Ein bisschen Dopamin – eine kurze Belohnung. Nur leider: Die Aufgabe bleibt. Der Druck steigt. Und du fühlst dich zunehmend blockiert.

Was Aufschieben langfristig mit uns macht

Kurzfristig wirkt Prokrastination entlastend. Langfristig jedoch untergräbt sie unsere mentale Stärke:

  • Du verlierst Vertrauen in deine eigene Umsetzungsfähigkeit
  • Du gerätst unter Zeitdruck
  • Schuldgefühle schleichen sich ein
  • Du fühlst dich gestresst, obwohl du "nichts getan" hast

Viele Menschen geraten so in einen Teufelskreis:

Aufschieben → Schlechtes Gewissen → Vermeidung → Noch mehr Aufschieben.

Mentale Fitness beginnt mit Selbstverständnis

Ein zentraler Gedanke in meinem Buch „Konzentriert. Fokussiert. Erfolgreich!“:
Mentale Stärke heißt nicht, immer motiviert zu sein. Sondern dich selbst besser zu verstehen – und dann bewusst ins Handeln zu kommen.

Wer die Mechanismen hinter Prokrastination erkennt, kann aktiv gegensteuern.

Fünf Impulse, die wirklich helfen

  1. Selbstmitgefühl statt Selbstkritik
    Du bist nicht „faul“. Du versuchst, dich emotional zu entlasten. Und das ist menschlich. Erst wenn du aufhörst, dich zu verurteilen, kannst du neue Strategien entwickeln.
  2. Finde den wahren Grund
    Frag dich ehrlich: Was genau macht diese Aufgabe so unangenehm?
    Oft ist es nicht die Aufgabe selbst, sondern das Gefühl dahinter – Angst, Langeweile, Unsicherheit.
  3. Starte mit der 10-Minuten-Regel
    Sag dir: Ich arbeite nur 10 Minuten daran – dann darf ich aufhören.
    Meist bleibst du sowieso dabei. Denn der Einstieg ist das Schwierigste.
  4. Time-Boxing statt To-do-Listen
    Plane nicht nur was du tun willst – sondern wann.
    Beispiel: „10:00–10:30 Uhr: Präsentation Teil 1“
    So entsteht eine zeitliche Verbindlichkeit – und du vermeidest das vage „Ich müsste mal…“.
  5. Schaffe eine Start-Umgebung
    Definiere einen Ort oder ein Ritual: Wenn ich hier sitze, arbeite ich. Kein Handy, keine Ablenkung. Allein dieser Rahmen hilft deinem Gehirn beim Umschalten.

Aufschieben ist ein Signal – kein Scheitern

Prokrastination zeigt dir: Hier stimmt gerade etwas nicht.
Vielleicht fehlt dir Klarheit, vielleicht hast du zu hohe Erwartungen an dich, vielleicht brauchst du eine andere Herangehensweise.

Mentale Fitness bedeutet nicht, immer perfekt zu funktionieren.

Sie bedeutet, deine Muster zu erkennen – und sie mit kleinen Schritten zu verändern.

Starte heute. Nur zehn Minuten.
Du wirst sehen, was möglich ist, wenn du dir selbst auf Augenhöhe begegnest.

Über den Autor

Jens Newerla ist Trainer für mentales Aktivierungstraining und Experte für Gehirnfitness im Arbeitsalltag. In seinen Seminaren unterstützt er Unternehmen und Behörden dabei, die mentale Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeitenden zu stärken. In über 2000 Seminartagen hat er bereits mehr als 14 000 Teilnehmende geschult. Sein Ziel: der mentalen Fitness in Unternehmen denselben Stellenwert zu geben wie körperlicher Gesundheit. 

Bild: Pheelings Media / istockphoto.com